Donnerstag, 5. August 2010

Fotografie ist schön - macht aber viel Arbeit

»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte« ist eine schöne Legende aus der Steinzeit der Fotografie, als die Entwickler des Rechnerprogramms Photoshop noch mit ihrem Zauberwerkzeug in den Geburtswehen lagen. Seitdem hat sich der Umgang mit der Fotografie zum Nachteil für die Konsumenten verändert. Denn das vorhandene Bildermeer an Milliarden von Fotografien hat die Irritation bei der Einordnung von Bildauffassungen eher vergrößert als dass es wesentlich dazu beigetragen hätte, das Verständnis von Fotografie grundlegend zu erweitern.

Eine Antwort, worin die Irritation begründet ist, hat Walter Benjamin geliefert. Er nennt Konsumenten von Fotografien »visuelle Analphabeten«. Sie konsumieren visuelle Erzeugnisse, ohne dass sie über das Rüstzeug verfügen, die vermittelten Botschaften auf ihren Gehalt hin zu überprüfen. Nach dieser Auffassung ist die verklärende Formulierung: »Ein Bild sagt mehr als tausend Worte« ein aufgehübschter Glaubenssatz, der bis heute im Scheinwerferlicht eines Tatsachenbeweises strahlt.

Gerade in der Werbung ist die Wiederkehr des ewig Gleichen eine Art Vollkaskoversicherung für Werbeproduzenten und deren Kunden. Hat sich ein meist aus der zeitgenössischen Kunst übernommener Trend einmal in der Werbung durchgesetzt, wird er kopiert und abermals kopiert, typographisch maskiert, um den scheinbaren Eindruck einer Neuerung zu erwecken. Vorherrschend ist bei dieser Strategie die Angst vor dem Scheitern. Denn das Risiko des Scheiterns wollen in der Regel weder Werbeproduzenten noch deren Kunden eingehen. Die Kosten für eine Ware oder Dienstleistung müssen geringer sein als der kalkulierte Nutzen. Verklausuliert wird von einer Maximierung der Effizienz gesprochen. Gemeint ist, eine Sache muss mehr Geld einbringen als der Aufwand kostet.

Übersehen wird bei der Risikovermeidung, dass jeder Einzelne nur mit seinem eigenen Gehirn denken kann, aber dennoch die Meinung vertritt, die Konsumwünsche und latenten Sehnsüchte der Konsumenten genau zu kennen. In Bezug auf die Fotografie wird als Erklärung genannt, man könne die Zielgruppe nicht mit einer anderen Bildauffassung überfordern. Zu dieser Erklärung greifen auch etliche Druckmedien zurück, weil sie aus Selbstschutz vermuten, ihre Leser seien »visuelle Analphabeten«, denen andere Bildauffassungen nicht zugemutet werden könnten. Viel naheliegender ist jedoch der Umstand, dass sich die Beschäftigung und Kenntnisse von Fotografie auf technische Belange reduzieren. Der Wille zu mehr inhaltlichen Kenntnissen über fotografische Prozesse ist eher unterbelichtet.

Andererseits ist in der Fotografie ein bemerkenswertes Phänomen zu erkennen: Selbst anspruchsvolle deutsche Fotografen gehen gerne auf Nummer sicher. Das ist an der nüchternen Kühle ihrer Produkte zu erkennen. Weniger ist mehr, Klarheit in Funktion und Form, alles andere ist nette Spielerei. Auffällig ist daran, wie das Leben aus diesen Fotografie verbannt worden ist.

Diese Art der Affektkontrolle widerspiegelt das wirtschaftliche Denken in Kosten-Nutzen-Verhältnissen. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, in der offenbar niemand mehr seiner Sache sicher sein kann, ist Risikovermeidung anzeigt. Der geforderte Mut zum Risiko ist schön dahergesagt. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Der überwiegende Teil der angewandt arbeitenden Fotografen reagiert einzig im Auftrag. Diese Fotografen liefern reflexhaft das, was der jeweilige Auftraggeber zu sehen wünscht. Und vom Fotografen wird nur dann auf den Auslöser gedrückt, wenn ein Abnehmer für die Flachware von vorne herein feststeht. Was kein Geld bringt, kommt nach diesem Denken in Kosten-Nutzen-Verhältnissen nicht mehr vor. Bleiben die Aufträge einmal aus, zeigt sich die Kehrseite der eindimensionalen und auf technische Fertigkeiten reduzierten Denkweise.

Schlicht gesagt: Es fehlt Fotografen an Themen für selbstgegebene Aufträge. Begleitet wird diese Mangelerscheinung von der Angst vor dem Risiko, dass es möglicherweise für den selbstgegebenen Auftrag weder einen potenten Abnehmer noch Applaus von anderer Seite gibt. Das Schielen auf bewährte Bildauffassungen, das Recherchieren im Netz wie andere Fotografen arbeiten, das Anwenden aktueller Photoshop-Funktionen – all das kann für den Moment Sicherheit versprechen. Das Neue jedoch folgt keinem Trend, sondern ist selbst Trend. Es ist unzeitgenössisch und lässt die Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz überflüssig werden. Dorthin über eigene Themen zu gelangen, ist vielleicht die Königsdisziplin der Fotografie, die wiederum den Umstand in sich birgt, nicht auf Anhieb als solche erkannt zu werden.

Belege für die Annahme liefert die Fotografiegeschichte zu Genüge. Von Ausnahmen einmal sind die wirtschaftlich gut aufgestellten Fotografen nicht zwangsläufig auch die innovativsten. Etliche unzeitgenössische Fotografen verfolgen ihre Ziele weit ab von kommerziellen Interessen. Sie verzichten auf das schauspielerische Zurschaustellen ihres technischen Ausrüstung wie es in der Werbe- und Modefotografie fast schon zum guten Ton gehört, weil sie ihrer Haltung zur Fotografie treu bleiben wollen und möglicherweise einer Vision folgen, deren Ausdrucksmittel sie in der Fotografie finden.

Diese Fotografen produzieren keinen Mainstream, vielmehr irritieren sie mit ihrer Sehweise existierende Sehgewohnheiten. Ihre Fotografien sind eigene Bilder, die das Nachfotografieren, das Kopieren ihrer Sehweise unmöglich machen. Wer dem Glauben aufsitzt, es ginge dennoch mit ein paar simplen Täuschungen, der neusten Aufnahmetechnik, der aktuellen Photoshop-Version hat eindeutig zuviel in Fotomagazinen geblättert und die technischen Angaben von dort publizierten Fotografien studiert.

Eine Fotografie ist das Ergebnis intuitiver Prozesse respektive in der inszenierten Fotografie das Ergebnis von detailliert geplanter Überhöhung. Inszenierer wie Jeff Wall oder David LaChapelle verstehen es meisterhaft, ihre kalkulierten Spiele mit der bildnerischen Illusion von Wirklichkeit auf die Spitze zu treiben.

Beim Fotografieren von Personen handelt es sich hingegen um eine rein private Angelegenheit. Der Fotografierte gestattet dem Beobachter hinter der Kamera einen Blick in sein Innerstes, vorausgesetzt, der Fotograf schafft es, ein verbindliches Vertrauen zu seinem Gegenüber aufzubauen.

Eingehüllt in die Aura eines Weltstars vergleicht Peter Lindbergh eine gemeinsam hergestellte Fotografie mit dem Geschlechtsverkehr. »Wenn man eine Frau fotografiert, hat man ein gemeinsames Foto, das zwei Menschen ein Leben lang aneinander bindet.«

Der überwiegenden Zahl an Porträtfotografien sieht man eine fehlende Vertrauensbasis an. Deshalb sind sie belanglos, lassen den Betrachter kalt, weil sie im Grunde nichts über die Persönlichkeit der abgebildeten Person preisgeben.

Entweder tragen die abgebildeten Personen die freundlich lächelnde Maske der antrainierten Professionalität, verschanzen sich kontrolliert hinter der Maske der Macht, des rationalen Machers, kühlen Endscheiders, des steifen Amt- und Würdenträgers. Die nächsten wollen von sich eine geschönte Selbstdarstellung für die Bewerbungsunterlagen oder brauchen ein »Verbrecherfoto« für die Ausweisdokumente. Welches dieser Maskenbilder tatsächlich mehr als tausend Worte sagt? Die Antwort weiß allein der Wind.


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